Wissenschaftliche Betrachtung: Was ist eigentlich Fimo und wie giftig ist es wirklich?

Hallo Welt,

ich arbeite nun seit anderthalb Jahren mit Fimo und habe immer so ein bisschen Respekt vor den Halb- oder auch Nichtwahrheiten gehabt, die man sich so über Fimo erzählt. Ich habe immer schön brav mein Fimowerkzeug von Lebensmitteln ferngehalten, mir die Hände gewaschen nach dem “Fimoen” (muss man aber eh  😀 ) und den Teller, den ich für das Fimobacken verwende, habe ich seit einem Jahr nicht für Lebensmittel verwendet. Außerdem hatte ich auch immer ein schlechtes Gewissen, weil ich eigentlich ein sehr umweltbewusster Mensch bin und Fimo ist ja PVC und damit per se schlecht. Gleichzeitig bin ich aber nunmal Chemie- und Water Science-Studentin und habe dieses schlechte Gewissen immer so ein bisschen von mir weggeschoben, weil mir das ganze etwas spanisch vorkam. Ich habe nun gegooglet, weil ich gerne Tassen mit Fimo designen würde und zu meiner Überraschung habe ich tatsächlich viele Ergebnisse dazu gefunden. Mir fiel aber auch auf, dass in der Regel der obere Teil der Tasse freigelassen wird, sodass der Mund das Fimo nicht berühren würde. Ich habe daraufhin noch ein wenig weiterrecherchiert und der Lebensmitteltauglichkeit und der Umweltverträglichkeit auf den Zahn gefühlt und mich am Ende mit einer Mindmap über die Inhaltsstoffe von Fimo und was es über sie zu wissen gibt, wiedergefunden. Meine Stichpunkte werde ich euch in der Folge präsentieren. Wie es sich gehört, werde ich die Quellen verlinken, sodass ihr euch selbst von ihrer Richtigkeit und Relevanz überzeugen könnt. Bitte beachtet, dass es sich hierbei zwar um eine fundierte Betrachtung handelt, ich aber dennoch einfach nur eine Privatperson bin, die sich informiert hat und ihre Ergebnisse nach bestem Wissen und Gewissen mit euch teilt. Und nun auf ins Getümmel!

Was ist eigentlich Fimo?

Fimo ist eine ofenhärtende Modelliermasse aus PVC und Weichmachern. Aber kein Grund zur Sorge, wir nehmen diese Punkte noch unter die Lupe.
Auf der Verpackung finden sich folgende Verwendungshinweise: “FIMO kneten, formen und im Ofen härten. Nicht über 130°C erhitzen. FIMO ist ein Kreativmaterial und kein Spielzeug. Anweisung vor Gebrauch lesen, befolgen und nachschlagbereit halten. Verpackung für Rückfragen aufbewahren”. Außerdem ist eine Abbildung darauf, die nahelegt, dass Fimo bei 110°C für 30 min gebacken werden soll. So viel zur Basis.

Die Inhaltsstoffe: PVC

Wie erwähnt besteht Fimo aus PVC und Weichmachern. Widmen wir uns zunächst dem PVC. “PVC” ist die Abkürzung für Polyvinylchlorid und es entsteht aus der Reaktion von Chlor (giftig) mit Vinylchlorid (krebserzeugend). Diese Ausgangsstoffe sind verständlicherweise umstritten, die Eigenschaften von Ausgangsstoffen übertragen sich aber nicht zwangsläufig auf das Endprodukt. Das seht ihr, wenn ihr euch z. B. die Entstehung von Wasser (flüssig) aus Wasserstoff (gasförmig) und Sauerstoff (gasförmig) anschaut. Laut Chemgapedia, der Wikipedia für Chemiker, ist die Emission, also die Freisetzung von unerwünschten Stoffen bei der Herstellung von PVC heutzutage aber schon deutlich geringer als früher und die Nebenprodukte werden unter Chlorrückgewinnung verwertet, sodass man das für die Herstellung von PVC benötigte Chlor sozusagen “wiederverwenden” kann (In einer chemischen Rekation reagieren nie alle Stoffe restlos und es ist hilfreich, die übrigen Ausgangsstoffe, “Edukte”, aus dem Produktionszyklus herauszuziehen und am Beginn wieder einzuführen). Dennoch entstehen pro Tonne PVC 250g krebserzeugendes Vinylchlorid.

Auch die Entsorgung von PVC ist problematisch. Während Hart-PVC (verwendet in Schallplatten, Rohren…) keine Luft- oder Wasserbelastung bewirkt, sorgen die Weichmacher im weicheren PVC (das verwendet wird für Bodenbeläge oder Kabelummantelungen) für eine geringe Belastung des Sickerwassers auf Deponien. Auch zersetzt sich PVC nicht und muss daher recyclet werden. Die beiden herkömmlichen Wege sind:
1. Stofflich: Das PVC wird verbrannt und das Chlor wird als Salzsäure wieder dem Produktkreislauf zugeführt.
2. Werkstofflich: Hierbei wird das durch Recycling gewonnene PVC, das leider eine vergleichsweise schlechte Qualität hat, mit 70-80% Neu-PVC vermischt. Dafür muss natürlich auch 70-80% neu hergestellt werden, weswegen diese Methode nicht ganz so zielführend ist. Das so recyclete PVC wird z. B. für die Herstellung von Fensterrahmen verwendet. (Alle Hinweise zu dem PVC habe ich der Chemgapedia entnommen.)

Die Inhaltsstoffe: Weichmacher

Gesundheitlich deutlich problematischer als das PVC sind Weichmacher. Im Allgemeinen sind Weichmacher Phthalate, die z. B. wie Sexualhormone wirken und damit den Hormonhaushalt im Körper verändern. Nähere Informationen zu den Phthalaten findet ihr auf der Webseite des Bundesamtes für Risikobewertung. Weil diese Stoffe dermaßen in biochemische Kreisläufe und die Entwicklung eingreifen können, sind sie seit vielen Jahren EU-weit in Spielzeug verboten.
Zurück zum Fimo: Fimo ist seit 2006 phthalatfrei. Stattdessen wird ein citratbasierter Ester als Weichmacher verwendet, der umwelttechnisch und gesundheitlich nach GHS als absolut unbedenklich eingestuft wurde. Es ist sogar biologisch abbaubar. Die GHS-Einstufungen für chemische Stoffe findet man auf den Sicherheitsdatenblättern, die nach strengen Richtlinien vom Hersteller eines Stoffes bereitgestellt werden und alle zwei Jahre überprüft werden müssen. Einer Angabe in einem Sicherheitsdatenblatt vertraue ich zu 100%. Citroflex, der Citratester, wird sogar in Körperpflegeprodukten wie Deo verwendet und ist in der EU als Lebensmittelusatzstoff E1505 in Aromen und Eiklarpulver zugelassen.

Hinweise von Staedtler zu den Weichmachern im Fimo

Laut Staedtler muss Fimo bei mindestens 110°C für 30 Minuten gebacken werden, damit sich die langkettigen Citratester-Moleküle mit dem PVC verbinden und nicht mehr freigesetzt werden. Das Problem mit früheren Weichmachern war häufig, dass es sich um kurze Moleküle handelte, die sich mit der Zeit leichter aus dem PVC lösten, weil sie naturgemäß weniger Bindungen mit dem PVC eingehen können als längere Moleküle. Fimo erfüllt die EU-Richtlinie zur Sicherheit von Spielzeug (EN 71, Teil 5) und es wurde auch getestet, ob bei 130°C oder 150°C schädigende Substanzen freigesetzt werden, was nicht der Fall war. Fimo ist also auch stabil, wenn man es deutlich heißer backt als auf der Verpackung angegeben. Ab 150°C können  jedoch Salzsäuredämpfe entstehen, die den Betroffenen aber durch brennende Augen und Nasenschleimhäute vorwarnen, bevor sie toxisch werden. Steadtler ergänzt außerdem: “In jedem Fall den Raum gut lüften, Personen ins Freie bringen und bei Unwohlsein einen Arzt kontaktieren (dies ist eine “Standard”-Vorgehensweise bei jeglicher Art von Gefahr, gilt also nicht nur für FIMO).

Ausgehärtet ist Fimo speichel- und schweißfest. Zur Herstellung von Fimo werden keinerlei tierische Produkte und kein Gluten verwendet und ausschließlich Rohmaterialien verwendet, die auf natürlichen Fetten und Ölen basieren. (Alle Informationen findet ihr hier)

Fazit

Fimo besteht aus PVC und Weichmachern. Fimo ist ein Kunststoff und wird damit prinzipiell nicht einfach von der Erde verschwinden, er ist jedoch so umweltverträglich gehalten wie möglich und damit nicht schädlicher als die herkömmliche Acrylfarbe. An diesem Punkt muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er das mit sich vereinbaren kann oder nicht. Mein grünes Herz leidet immernoch ein bisschen, aber schon deutlich weniger als vorher, denn ich weiß nun, dass meine Fimofiguren im ungünstigsten Fall ein Fensterrahmen werden und ganz ehrlich… Plastik ist in so vielem drin, dass es vermutlich nicht viele kreative Hobbys gibt, die absolut eins mit der Natur sind. Fimo ist zwar nicht für die Verwendung in Lebensmitteln gedacht, weil dafür bestimmte Prüfungen und Zulassungen nötig wären, die der Hersteller einfach nicht durchgeführt hat, aber an Stellen verwendet, die nicht direkt mit den Lebensmitteln in Kontakt treten und auch nicht oral aufgenommen werden, ist es unbedenklich. Ich kann also weiterhin mit Fimo arbeiten und meine Tassen haben damit auch grünes Licht 🙂

Ich hoffe, euch hat diese Aufstellung ein wenig dabei geholfen, die vielen Irrtümer im Zusammenhang mit Fimo zu verstehen und auszusortieren.

Puh, das war ein langer Abend. Ich habe vorhin noch einen Beitrag freigeschaltet, den ich schon vor ein paar Tagen verfasst, der aber einfach nicht veröffentlicht wurde, aber lasst euch davon nicht täuschen: Ich habe den ganzen Abend recherchiert und jetzt anderthalb Stunden damit verbracht, diesen Blogbeitrag für euch zu verfassen. Ich bin müde und werde jetzt schlafen.

Machts gut!

Nadine

P. S.: Ich habe bei meinen Recherchen zur Tasse noch einen interessanten Beitrag zu Fimo in der Spülmaschine gefunden.

Categories: Allgemein, Fimo, Handwerk, Über die Welt, Wissenswertes

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4 replies »

  1. Hallo Nadin,
    Vielen lieben Dank für die toll recherchierten Informationen und Deine Mühe!!
    Du hast uns sehr geholfen.
    Unsere Jungs kamen mit der Idee um die Ecke mit Fimo Figuren zu modellieren.
    Kreatives Arbeiten unterstützen wir natürlich gerne, nur als wir den Beipackzettel gelesen hatten waren wir doch irritiert ob das so eine gute Idee ist.
    Aber wir finden nach Deinen Ausführungen das es doch vertretbar ist.
    Vielen Dank, mach weiter so!

  2. Vielen Dank! Habe genau sowas gesucht, bevor ich Fimo unseren Kindern zum Weihnachtsbasteln gebe und ich bin froh, über deine sorgfältige Recherche!

  3. Durch Zufall bin ich auf deine Seite geraten, da ich etwas über Fimo gegoogelt habe.
    Danke für deine Recherche und den ausführlichen Beitrag, den ich sehr nützlich fand. Auch ich hab jetzt weniger Bedenken, meinem Hobby fimolieren nachzugehen.
    Liebe Grüße Judith

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